Wenn alle Stricke reißen...

Ein gemaltet Strick, abgerissenes Ende, drei einzelne Stränge sind am Ende zu sehen

... ENDLICH DENKEN!

"The denial of death is an intellectual drama with many acts"
Richard Cohen

Der Tod ist nicht nur ein intellektuelles Drama - so viel ist klar. Er ist faktisch, ganz konkret, schonungslos, kompromisslos, unfassbar. Wie wir mit ihm umgehen, wie er uns erscheint, wieviel und welchen Sinn und Unsinn wir ihm beimessen, ist jedoch so vielfältig, wie das Leben selbst. Der Tod gehört zum Leben dazu. Als vielleicht beunruhigendste aller Grenzen sorgt er für viele Fragezeichen: Fragen, die verschwörerisch locken aber auch Fragen, die unerträglich bohren können.

Zu Philosophieren heißt, sich diesen Fragzeichen zu stellen.

Philosophical Care

In existenziellen Notlagen gibt es schon einige etablierte Hilfsstrukturen, etwa konfessionelle Seelsorge oder Psychotherapie. Räume und Settings, in denen philosophische, existenzielle Fragen besprochen werden können, stellen jedoch noch eine Leerstelle dar.

In dieser Leerstelle würde ich gerne etwas aufbauen.

Was ist an einem philosophischen Sorge-Gespräch anders?

  • Nichts ist wahr: Es gibt keine Agenda, keinen Hintergedanken, keinen vorgeschriebenen Weg, keine Antworten, keine disziplinäre Vorgehensweise, kein Ergebnis und keine Lösungen. Nicht einmal Trost.
  • Alles ist erlaubt: Es gibt Offenheit, Freiheit und Freiwilligkeit, alles (hinter)fragen zu können. Daraus können sich Auswege aus belastenden Gedankenkreiseln ergeben und neue Sichtweisen, die (Denk)wege öffnen, die man davor übersehen hat. Es wird landläufig unterschätzt, wie viel Freude das machen kann. Durch die Kultivierung einer Fragekultur und das aufmerksame Zuhören der Gesprächpartner*in kommen Gedanken in Bewegung.
  • Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf: Philosophie kann auch destabilisieren. Wenn das hinterfragt wird, was dem Leben zuvor Stütze war, kann das ganz schön erschüttern. Philosophical Care trägt SORGE dafür, dass Gesprächspartner*innen auch dann nicht abrutschen, wenn Gedankengebäude in Bewegung kommen, wenn Fundamente bröckeln. Im Gespräch zählt, Halt zu geben und Denkschritte zu begleiten. Ermutigen, wenns tief oder weit wird. Halten, wenns zu weit geht.
  • Raus aus dem Selbstbezug! Der Sprung auf die "Metaebene" kann entlasten. Ich muss nicht über mich als konkreten Menschen sprechen, sondern kann Fragen aus einer abstrakteren Position stellen: Nicht: "Ich als palliativer Patient" sondern "Ich als Mensch" habe mit Einsamkeit, Angst, Hoffnung oder Scham zu tun. Dies kann als temporäre Entlastung vom Selbstbezug und der eigenen Position wahrgenommen werden und ein Gefühl der Verbundenheit und des Staunens stärken.
  • Gemeinsam zu Philosohieren birgt das Potential (nicht das Versprechen), eine Haltung von Heiterkeit, Gelassenheit und Demut zu erlangen, die nützlich ist, um mit dem was gegeben ist, umzugehen: das Unveränderliche zu akzeptieren, das Veränderliche zu gestalten und beides voneinander zu unterscheiden.

Wie kann diese Leerstelle gefüllt werden?

Ich bin auf der Suche, wie Rahmen für solche philosophischen Care-Gespräche etabliert werden können, z.B. in der Krankenhaus-"Seelsorge", in der Hospizarbeit oder im Rahmen von philosophischen Cafés. Bei Ideen freue ich mich über Kontaktaufnahme.


Thanatosophie

(altgriechisch θάνατος, thánatos, Tod und σοφία, sophίa, Weisheit)

Mit dem Begriff "Thanatosophie" bennene ich einen universalistisch orientierterten und methodischen Denkansatz, der anerkennt, dass in jeder ethischen Beziehung ‚der Tod‘ als inkorporiertes Grenzdenken strukturell mitverhandelt wird. (Siehe dazu "Grenze – Tod – Ideologie" (2025)).

"Thanatosophie" ist ein methodischer Ansatz, mit dem ideengeschichtliche Kontexte, Weltanschauungen und philosophische Texte auf ihr Verhältnis zum Tod - zur Endlichkeit, zur Leiblichkeit, zur Grenzüberschreitung - untersucht werden können.

Kurz: "Sag mir, wie du zum Tod stehst und ich sag dir, wer du bist"

Wozu das Ganze? Wie wir als Gesellschaft den Tod denken, prägt ganz substanziell auch unser Verhältnis zu Schmerz, Gewalt, Altern - kurz: unser Todesdenken formt unsere sozialen und ethischen Beziehungen. Als Lebende, die an einem gelingenden (Zusammen-)leben interessiert sind, sollten wir die Aufmerksamkeit also darauf lenken. Das klingt abstrakt, aber hat ganz konkrete Auswirkungen, prägt zum Beispiel unser Verhältnis zu Autorität. Der Tod ist politisch.

Genau deshalb ist es wichtig, dass es gesellschaftlichen Dialog über unser Todesdenken gibt. Ein Ort dafür ist das Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Die aktuelle Kampagne "Der Tod gehört dazu" will Aufmerksamkeit für die Lage des Sanierungsbedarfs und der Finanzierung erzeugen und hat dafür Stimmen gesammelt - unter anderem meine.

Die Jahrestagung des Museums für Sepulkralkultur transmortale XIV bot mir die Gelegenheit, den Begriff der Thanatosophie mit einem Vortrag vorzustellen: "Der Tod als Gleichmacher, Schlussstein, Trennnadel. Ein philosophischer Blick auf das ‚doing death‘ von Gesellschaften“. Der Tagungsbericht ist hier nachzulesen.

Da der Tod zum Leben dazu gehört, gehört für mich auch Hospizarbeit dazu. Seit mehreren Jahren bin ich als ehrenamtliche Sterbebegleiterin im ambulanten Hospizdienst DELPHIN im Neuköllner Ricam-Hospiz tätig. Im März 2026 soll mit den ehrenamtlichen Sterbebegleiter*innen ein erstes Philosophisches Café "endlich denken" als Erkundung der Kombination Philosophischer Praxis und Palliative Care stattfinden.